| AARAUER KULTURPREIS
Auszeichnung für Emmy Henz Diémand

Emmy Henz-Diémand: Vielseitig und engagiert
Emmy Henz-Diémand erhält den mit 10000 Franken dotierten Aarauer Kulturpreis. Die Stadt Aarau würdigt damit die internationale Konzerttätigkeit sowie das musikpädagogische, kulturvermittelnde und kulturpolitische Engagement der Musikerin.
Emmy Henz-Diémand studierte nach Abschluss ihres Solistendiploms in der Meisterklasse von Yvonne Loriod-Messiaen in Paris. Über 70 Kompositionen wurden für sie geschrieben und/oder durch sie u raufgeführt.
Neben diversen Kulturprojekten engagiert sie sich als Nachlassverwalterin für das kompositorische Gesamtwerk des Aargau-Brasilianers Ernst Widmer, arbeitet in Kulturaustauschprojekten mit Brasilien und Weissrussland, gründete nach dem EWR-Nein die «Passages Européens» mit Komponist Rolf Liebermann und engagiert sich für die 2005 gegründete Schweizer Akademie für Musik und Musikpädagogik (SAMP).
Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die traditionelle Literatur des 20. Jahrhunderts und die Musik unserer Zeit. Sie realisiert immer wieder Projekte ausserhalb des ritualisierten Konzertbetriebes, arbeitet regelmässig mit Komponistinnen und Komponisten und spielte früher mit Jazz-Musikerinnen und -Musikern wie Pierre Favre oder Irène Schweizer.
Zu ihrer internationalen Konzerttätigkeit gehören auch Studioproduktionen, Live- Aufzeichnungen und Direktübertragungen in vielen Radio- und Fernsehstationen in Europa, USA, Südamerika, Australien und Neuseeland.
Zahlreiche CD-Produktionen mit Werken von George Crumb, Ernst Widmer, Dieter Schnebel, Valery Voronov, Maria A. Niederberger und Geneviève Calame zeugen von ihrer intensiven Zusammenarbeit mit Komponistinnen und Komponisten unserer Zeit.
Die Künstlerin, so teilt die Stadt Aarau mit, habe schon immer nach neuen Musik- und Aufführungsformen gesucht und habe sich stets überzeugt der Auseinandersetzung mit neuer Musik gestellt. Das Renommee von Henz-Diémand als Musikerin reiche dabei weit über Aarau und die Schweizer Grenzen hinaus.
Henz-Diémand mache Projekte, die bewusst ein breites Publikum ansprechen wie zum Beispiel «MobilOton» (Kleinlaster mit Flügel), mit dem Strassen und Plätze in Konzert-Orte verwandelt werden.
«Als Musikpädagogin hat Henz-Diémand das Musikleben in Aarau, im Aargau, und weit darüber hinaus wesentlich geprägt und bereichert», schreibt die Stadt. «Emmy Henz-Diémand hat sich zeitlebens für die Musik, die Ausbildung und die Musikvermittlung eingesetzt – ohne Kompromisse und mit der Bereitschaft ‹für die Sache› auch unbequem zu sein. Sie ist eine kritische, hoch geschätzte Aarauer Bürgerin und Musikerin, die seit Jahren die Aarauer Kultur bereichert.»
Der Aarauer Kulturpreis 2006 wird am 13. September 2006 im Kultur und Kongresshaus Aarau (KUK) verliehen. (pd/sul)
IN AARAU ANGEKOMMEN
Der französische Teil des Doppelnamens verführt zum Gedankenspiel. Liest sich Diémand nicht wie Diamant? Falls ja kommen wir dem, was die Musikerin Emmy Henz-Diémand auszeichnet, näher. Steht Diamant für Engagement, Konsequenz und Ausdauer liegen wir richtig. Denn gerade diese Eigenschaften zeichnen eine Pianistin und Pädagogin aus, die seit Jahrzehnten unbeirrbar ihren Weg geht und damit "quer" in der Musiklandschaft liegt. Dringt dieses Wörtchen über Emmy Henz' Lippen, schwingt Ironie mit. Dass nun ausgerechnet sie, die sich seit Jahrzehnten leidenschaftlich für zeitgenössische Musik, ungewöhnliche Aufführungsformen und für die "Schweizer Akademie für Musik und Musikpädagogik" stark macht, den Aarauer Kulturpreis bekommt, erstaunt sie selbst.
Voller Energie und neuer Pläne kam sie eines Tages aus dem Ausland zurückgekehrt, sah ihre Post durch und entdeckte " dann dies" – die Ankündigung des Aarauer Kulturpreises. Dass sich die Solothurnerin mit französischen Wurzeln fast schelmisch über den lokalkoloritischen Aspekt der Auszeichnung freut, hat mit manchem zu tun. Zum Beispiel mit dem Verhältnis zu einer Stadt, das von "Spannungen" nicht immer ganz frei war. Heimat ist ihr Aarau dennoch geworden – zur Zeit der so genannten Fichen-Affäre. "Nein, so was gibt’s bei uns nicht", beschied man ihr in der Kantonshauptstadt, als sie sich nach einer allfälligen Fiche erkundigte: "In diesem Moment wusste ich, dass ich in Aarau angekommen bin". Ins Bild eines ritualisierten Musik- und Konzertbetriebs passte sie freilich noch immer nicht. Wollte sie auch gar nicht. Dazu war die Musikerin schon früh zu kritisch und von unbändiger Neugier auf die Musik gepackt: Vor allem auf jene des 20. Jahrhunderts sowie der Gegenwart. Wer sich in die Liste all jener Komponisten vertieft, deren Werke Emmy Henz-Diémand gespielt oder angeregt hat, wird einem Who's who der Neuen Musik begegnen, etwa Olivier Messiaen, John Cage, Dieter Schnebel, Mauricio Kagel, Rolf Liebermann, George Crumb, Geneviève Calame, Ernst Widmer, Valery Voronov oder dem Aargauer Beat Fehlmann. Kaum fällt der Name des verstorbenen Aargauer-Brasilianers lodert Emmy Henz' Feu sacré: "Dieser Komponist", sagt sie und blickt ihr Vis-à-vis mit noch intensiveren blauen Augen als sonst schon an, "ist ein Phänomen. Er steht zwischen Tradition und Experiment. Die Bedingungslosigkeit mit der Widmer in der brasilianischen Kultur aufgegangen und daran auch verbrannt ist. . . das ist einzigartig." Kein Wunder, setzt sie sich für diesen Solitär unermüdlich als Nachlassverwalterin für dessen kompositorisches Gesamtwerk ein. "Es ist einfacher, ein Projekt anzufangen, als damit aufzuhören", merkt sie in diesem Zusammenhang an. Aufhören will die passionierte Pädagogin bestimmt nicht bei dem, was ihr Herzensanliegen ist – die von ihr 2005 mitbegründete, aus dem Schweizerischen Musikpädagogischen Verband (SMPV) herausgewachsene "Schweizer Akademie für Musik und Musikpädagogik" (SAMP). Zwei Aussagen von ihr legen Zeugnis ab von ihrem, stets kulturpolitisch verstanden Engagement: "Musikunterricht entwickelt das Selbstwertgefühl" und "Die Qualität der Arbeit in Musik ist vielfältig und kann durch animatorisch verstandene Vermittlungsarbeit gefördert werden". Wie sehr hat Emmy Henz-Diémand mit ihrem MobilOton erfahren, einem mobilen Open-air mit dem sie über Land fuhr und fährt und dabei Aussenräume in Konzert-Orte verwandelt. Selbst in einer Klassik-Bastion wie Salzburg machte sie mit ihrem Kleinlastwagen samt dreimetrigem Konzertflügel Station – und erlebte, wie ein Mann herbeieilte, stehenblieb, seine Ohrstöpsel herausnahm und ihr konzentriert zuhörte. "Am Ende", lächelt Emmy Henz-Diémand, "kam er zu mir und sagte: ‹So müsste man das machen.› Dann steckte er seine Stöpsel erneut in die Ohren und eilte davon." Es war Dietrich Fischer-Dieskau. Die Anerkennung des grossen Sängers für ihre Kunst und ihr pädagogisches Flair findet morgen erneute Bestätigung: Dann, wenn Emmy Henz-Diémand mit dem Aarauer Kulturpreis ausgezeichnet wird und die Laudatio wohl festhalten wird: "Emmy Henz-Diémand ist eine kritische, hoch geschätzte Aarauer Bürgerin und Musikerin, die seit Jahren die Kultur bereichert".
Elisabeth Feller
Aargauer Zeitung, 12.September, 2006
Kulturpreis der Stadt Aarau 2006 an Emmy Henz-Diémand
Eine Laudatio einer ehemaligen Schülerin
Sie ist ein Farbtupfer, nein, eine ganze Farbpalette, schillernd, irisierend, polarisierend, abtauchend und wieder auftauchend, eine Künstlerpersönlichkeit und eine Frau. Guy Krneta fragte sich nach der ersten Kulturpreisverleihung vor einem Jahr bange, was nach Urs Heller wohl noch kommen könnte. Eben Emmy.
„Hesch weder emol öppis vom Emmy ghört?“ wurde ich immer wieder gefragt. Manchmal war ich der Frage überdrüssig, hatte ich doch längst meinen eigenen Weg eingeschlagen. Als mir die Frage vor ein paar Monaten zum letzten Mal gestellt wurde gab ich aber gerne Auskunft und erzählte, wie sich Emmy für die neue „Schweizer Akademie für Musik und Musikpädagogik“ engagiert habe oder wie sie ein flammendes Plädoyer für die Aarauer Kultur im Rahmen der Veranstaltung „Blickpunkt Kultur“ im KiFF abgegeben habe. Ihre Suche nach immer neuen Herausforderungen, sei es im Erforschen neuer Klavierliteratur, sei es in der Musikvermittlung oder im kulturpolitischen Bereich flösst nicht nur mir Respekt ein und gibt ihr etwas Zeit- und Rastloses. Sie könnte sich längst zurück lehnen und sich am Geleisteten freuen. Emmy wäre aber nicht Emmy, wenn sie sich nicht einmischen würde. Sie kann gar nicht anders, irgendwie ist ihr ein revolutionärer Geist angeboren. Sie konnte über die Schwerfälligkeiten des politischen Systems lamentieren und sich aufregen ab der Behäbigkeit gewisser kultureller Institutionen. Sie hatte aber immer dasselbe Ziel vor Augen: die Sensibilisierung der Gesellschaft. Und im Hintergrund war da immer die Liebe zur Stadt Aarau und ihren Menschen.
Ich lernte sie vor 37 Jahren kennen, ich war damals 10 Jahre alt und suchte eine neue Klavierlehrerin. Ich spielte ihr die „Sonata facile“ von Mozart vor und sie nahm mich als Schülerin mit der Bedingung, Mozart vorerst auf der Seite zu lassen und dafür Band 1 und 2 aus dem Bartok-Mikrokosmos sowie die Wolfer-Klavierschule zu kaufen. Knochentrockene Klavierliteratur statt Mozart. Im Rückblick war dies ein erstes Zeichen gewesen ihrer bedingungslosen Haltung zu künstlerischer Konsequenz, die heute ihre hoch verdiente Anerkennung in Form der Verleihung des Kulturpreises der Stadt Aarau 2006 findet.
Fortan begleitete mich „Frau Henz“ bis zum Diplom und sie hat mir nebst einer fundierten klaviertechnischen Ausbildung vor allem eines mitgegeben: den Mut zu einer eigenständigen künstlerischen Haltung. Sie selber suchte nie den einfachen Erfolg und stiess oft auf Widerstand und Unverständnis, vermochte aber durch ihre „liebevolle Kompromisslosigkeit“ wie ich diese Eigenschaft nennen würde immer wieder, andere zu motivieren und für ausgefallene Projekte zu begeistern. Sie bescherte dadurch der Stadt Aarau manch denkwürdiges Ereignis. Wann ausser 1984 hat der ehrwürdige Saalbau schon 8 Flügel auf einmal gesehen, die mittels Kran ins Foyer gehievt wurden? Oder als im Bach-Jahr1985 Johann Sebastian himself den Aarauer Markt unsicher machte? Oder 1988, als Maurizio Kagel und viele prominente Kollegen der Neuen Musikszene im Kunsthaus einander die Klinke in die Hand gaben? Oder als im Kasinopark Emmy mit dem Musigcharre auffuhr (ein Vorläufer ihres etwas gestylteren MobilOtons)? Es gab auch Rückschläge: Schwer zu schaffen machte ihr der Tod eines seelenverwandten Freundes, Ernst Widmer. Der Komponist mit Aarauer Wurzeln wirkte erfolgreich in Brasilien, ehe er viel zu früh verstarb. Emmy reiste fortan immer wieder nach Salvador de Bahia und versuchte, Widmers Vermächtnis zu ordnen und seine Werke in der Schweiz bekannt zu machen. Diese Mission ist noch lange nicht abgeschlossen, auch sonst gibt es weitere Werke zu entdecken, Emmy wird sie einstudieren. Die Kulturpolitik ist weiter im Wandel, Emmy wird sich dazu äussern. Jugendliche wollen an die Musik heran geführt werden, Emmy wird ihnen Türen öffnen, unermüdlich, mit ihrer unverwechselbaren Art, mit der ewig gleichen Frisur, aber mit innerem Erneuerungsdrang. Und sie wird mit Modest Mussorgsky einig gehen der sagt: „Das Leben, wo immer es sich äussert, die Wahrheit, wie bitter sie auch sei, die furchtlose, aufrichtige Rede von Mensch zu Mensch, das ist meine Art, das ist es, was ich will, und dieses Ziel zu verfehlen täte mir weh“.
Irene Näf-Kuhn |
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